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Das Pferd richtig lesen können

Wenn ich mit Pferden arbeite, sei es mit den eigenen oder mit einem Schüler-Pferd-Team, fließt die Berücksichtigung des Persönlichkeitstyps des Pferdes immer in meine Arbeit mit ein. Vor vielen Jahren hatte mein Dusk mich zielstrebig auf dieses Thema aufmerksam gemacht. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Damals begann ich mich mit dem Konzept der Horsenality von Parelli zu beschäftigen. Dieses Konzept als Basismodell  hilft mir zu verstehen, mit was für einem Typ Pferd ich es zu tun habe und warum es so tickt wie es tickt.

 

Zusammengefasst wird zum einen zwischen extrovertierten Pferden mit viel Go und introvertierten Pferden mit viel Ho unterschieden. Zum anderen wird geschaut, ob das Pferd eher left brain ist, also eher mit der linken Gehirnhälfte arbeitet und vom Grundtyp neugierig und selbstsicher ist. Oder ob es als klassischer Right Brainer eher skeptisch ist und Neuem grundsätzlich erst einmal ablehnend gegenübersteht. So ergeben sich im Modell Mischtypen:

 

- left brain extrovert

- left brain introvert

- right brain extrovert

- right brain introvert.

 

Diese Mischtypen können in unterschiedlicher Ausprägung auftreten und selbstverständlich auch Aspekte der anderen Typen verkörpern.

 

Auch auf Menschen lässt sich das Konzept übertragen. Ich selber bin ein recht typischer Right Introvert. Seit ich das erkannt habe und benennen kann, ist für mich einiges klarer geworden und ich kann vieles besser akzeptieren.

Meine beiden älteren Pferde sind introvertiert. Als ich mich auf die Suche nach einem neuen, jungen Pferd machte, stand für mich fest, dass es ein extrovertiertes Pferd sein soll.

 

Mit Introverts kenne ich mich Dank Dusk und Tely inzwischen sehr gut aus. Ihre Energie ist mir sehr vertraut, denn sie spiegelt meine Energie wider. Mit dem neuen Pferd wollte ich bewust aus meiner Komfortzone raus. Havanna hat sofort erklärt, dass sie die richtige für den Job sei ;).

 

So zog sie Anfang des Jahres in mein Leben ein.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich über die Sommermonate wenig mit Havanna gemacht habe. Ich war beruflich sehr eingespannt und habe mich mit Telynor auf einen weiteren Meilenstein in unserer Ausbildung  konzentriert. Havanna wusste ich auf der Koppel und in der Herde als Zweijährige gut aufgehoben.

Vergangenes Wochenende nun war das Seminar mit Bent Branderup gewesen, auf das Tely und ich uns im Lauf der vergangenen Monate vorbereitet hatten.

 

Nun hatte ich wieder Zeit und Muse, mit meinem Jungpferd etwas zu tun. Mir schwebte ein Spaziergang vor, so wie wir es bereits immer mal wieder zusammen gemacht hatten. Natürlich rächte sich sofort, dass ich mit Havanna über viele Wochen nur das Notwendigste wie Hufe kratzen und auf eine andere Koppel umstellen gemacht hatte.

 

 

Kaum hatten wir uns wenige Meter von der Koppel und der Herde fortbewegt, fing Havanna das Toben an. Laut schnorchelnd versuchte sie, an mir vorbei zu rasen oder über mich drüber hinweg zu poltern. Beim leisesten Rascheln ging sie hysterisch in die Knie, um dann wie eine Rakete durchzustarten.

 

Mein erster Gedanke war, jetzt tickt sie wie eine völlig überforderte Right Extro.

 

Mein zweiter Gedanke war, hier fordert mich eine ungnädige Left Extro.

 

Ich musste mich entscheiden. Denn um ein Right Extro Pferd aus der Überforderung raus zu holen ist eine ganz andere Herangehensweise nötig, als ein forderndes Left Extro in die Schranken zu weisen.

 

Beim Right Extro hätte ich sofort Druck raus nehmen müssen. Also wieder zurück in Richtung Koppel gehen, bis sie sich wieder beruhigt hätte. Um dann wieder zu versuchen, den Abstand zur Koppel zu vergrößern. Diese Strategie nennt sich Annäherung/Rückzug.

Etwas in mir sagte mir, dass Havanna zwar nicht in ihrer Komfortzone war. Aber dass sie keineswegs überfordert war, sondern mich ganz klar herausforderte, ob ich ihr überhaupt die Stirn bieten könne und es wagen dürfte, sie von der Herde wegzuführen.

Also zeigte ich ihr ganz klar, dass sie Abstand zu mir halten muss. Ich erinnerte mich, wie mein Kollege Jossy Reinvoet das in einem kürzlich besuchten Seminar eindrücklich gezeigt hatte. Er lehnte es grundsätzlich ab, das Pferd zu schlagen oder am Halfter zu maßregeln. Stattdessen schlug er mit dem Ende des Führseils, an dem eine Lederschlaufe ist, sich selbst auf die Jacke. Er nannte es tail, also Schweif, so wie Pferde ihre Stimmung mit dem Schlagen des Schweifes signalisieren.

 

Auch ich wollte auf keinen Fall Havanna körperlich züchtigen. Also knallte ich mir mit der Lederschlaufe auf meine Jacke, was sofort Wirkung zeigte. Havanna unterbrach ihr Toben, stutzte, ging auf Abstand - und raste sofort wieder los. Das Spiel haben wir ziemlich oft wiederholt. Alles in Allem legte sich Havannas Hysterie recht schnell, aber sie blieb gespannt wie ein Flitzebogen.

 

Havanna konnte mit der ihr aufgezeigten Grenze umgehen, war aber bei diesem Spaziergang nicht wirklich entspannt. Also war klar, dass ich das Experiment wir gehen zu zweit im schönen Wald spazieren am nächsten Tag wiederholen würde.

 

Das war heute. Was soll ich sagen. Hysterie und unkontrollierbare Energie waren von Anfang an gar nicht mehr im Spiel. Ich habe meinen tail zwar noch recht häufig an mir selber ausprobieren dürfen (Winterjacke sei Dank), aber die Grundenergie war ganz anders wie am Vortag. Fast schon entspannt. So einfach kann es gehen, wenn man weiß, was zu tun ist.

Hätte ich Havannas Reaktion falsch eingeschätzt und hätte versucht, sie wie einen gestressten Right Extro abzuholen, wäre die Sache wahrscheinlich noch mehr eskaliert. In meinem Bestreben, den Druck zu vermindern, hätte ich, ohne es zu beabsichtigen, Havanna signalisiert, dass ich keine gute Führungspersönlichkeit bin. Weil ich ihr ja klein beigebe, um in der Logik des Left Extro zu bleiben.

 

Stattdessen habe ich ihr unemotional aber klar erklärt, dass sie meine Führung zu respektieren hat. Das fand sie heute schon ganz okay, nach dem Motto: "Die Klügere gibt nach" :)

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Kommentare: 1
  • #1

    Cornelia (Mittwoch, 07 November 2018 17:51)

    Super dargestellt und erklärt ��